Erlebnisse und Rezepte binationaler Familien

Migration und Depression – ein trauriger Zusammenhang

Depressionen, Angstzustände, Burn-out – das alles sind psychische Erkrankungen, die uns zunehmend begegnen. Auch unsere Familie war und ist davon getroffen. Neben unseren persönlichen Erfahrungen möchte ich auch auf die Studie „Depression und Biografie“ von Amina Trevisan eingehen, die sich mit diesem Thema beschäftigt und Zusammenhänge festgestellt hat. Mir ist es auch wichtig hier ein paar Ideen für Angehörige von erkrankten Personen mitgeben, die hilfreich sein könnten.

Als ich mich zum ersten Mal mit diesem Thema beschäftigte, stelle ich mir die Frage: Wie muss ich mir als gesunder Mensch eine Depression vorstellen? Eine Betroffene definiert ihre Erkrankung wie folgt: „Ich kann die Gedanken, die so in mich reinkommen, gar nicht steuern. Alles, was dann kommt, ist irgendwie negativ. Ich bin nicht im Hier und Jetzt. Ich bin entweder in der Vergangenheit und hadere damit oder ich bin in der Zukunft und habe Ängste davor.“

Als J. im Frühjahr 2023 sagte, dass er zum Arzt müsse, weil er Angstzustände und negative Gedanken habe, die ihn nicht mehr loslassen, war dieses Gefühl für ihn nicht gänzlich neu. Bereits ca. 15 Jahre vorher hatte er dieses erlebt und sich in ärztliche Behandlung begeben. Wie konnte es dazu kommen, dass die Depression wieder Oberhand bekommen hat? Bei J. war es vermutlich die besondere Belastung einer Prüfung, die diese Krankheit auslöste. Allerdings gibt es  auch andere Faktoren, die kontinuierlich auf Migranten einwirken:

  • Sprachbarrieren:
    Eine neue Sprache lernt man nicht über Nacht, und selbst, wenn es mit dem Sprechen schon gut klappt, bedeutet das noch lange nicht, dass man in der Lage ist sich im beruflichen Umfeld sicher zu bewegen. Ohne Unterstützung ist dieses kaum möglich.
  • Klima:
    Es mag blöd klingen, aber Deutschland ist nun mal nicht für warmes, sonniges Wetter bekannt, die langen dunklen Wintermonate schlagen sogar uns Deutschen aufs Gemüt. Einer Person, die die meiste Zeit der Jahres Temperaturen von über 20 Grad (im Sommer über 30 Grad) gewöhnt ist, fällt es umso schwerer sich damit zu arrangieren.
  • Bildung (soziale Herkunft):
    Nichtanerkennung von ausländischen Abschlüssen, Hürden zur Weiterqualifizierung und damit verbundene prekäre Beschäftigungsverhältnisse stellen ein großes Problem dar.
  • Machtverhältnisse:
    Jedes binationale Paar sollte sich dessen bewusst sein, dass der heimische Partner im Vorteil ist und seinen nicht heimischen Partner mal mehr und mal weniger unterstützen muss. Da der Alltag uns oft viel abverlangt, geschieht dieses aber nicht immer in einer wertschätzenden Art und Weise und kann dazu führen, dass sich der Partner durch die Unterstützung minderwertig fühlt.

Nachdem die Medikamenteneinnahme zu Hause keine Verbesserung brachte, wies sich J. selbst in eine Klinik ein. Aber auch diese Behandlung brachte keine Besserung, weshalb wir entschieden, dass er sich eine Auszeit in Peru und im engen Kontakt mit seiner dortigen Familie nehmen solle. Eine schwere Entscheidung, da uns klar war, dass wir hier nicht über Wochen, sondern über Monate reden. Für mich bedeutete das die alleinige Verantwortung für die Betreuung unserer Tochter und finanzielle Versorgung der Familie, da J. weder Arbeitslosengeld noch Krankengeld erhält.

Inzwischen ist fast ein halbes Jahr vergangen. J. konnte sich gut in Peru und in der Gemeinschaft seiner Familie erholen. Dieser Punkt wird auch in der Studie von Trevisan deutlich: Ein Mangel an sozialen Beziehungen und fehlender Zugriff auf soziale Unterstützung in Belastungssituationen beeinflussen maßgeblich die psychische Gesundheit von Migranten.

Als ich diesen Blog ins Leben rief, war mir wichtig auf die Herausforderungen binationaler Paare hinzuweisen. Dieses ist nun die wohl größte Hürde, die wir zu meistern haben.

Das kannst du tun, wenn bei deinem Partner eine Depression diagnostiziert wurde*:

  • Sicherstellen, dass der Partner professionelles Behandlung erhält (Termin beim Psychologen besorgen, ggf. in einer Klinik vorsprechen)
  • Unterstützen bei bürokratischen Hürden z.B. Krankengeld beantragen
  • Abnehmen der partnerschaftlichen Pflichten (z.B. Kinderbetreuung, Haushalt etc.) damit eine schnelle Therapie erfolgen kann
  • Versorgen mit Dingen, die der Partner als hilfreich für die Genesung einschätzt z.B. Gesellschaftsspiele, Bücher oder bevorzugte Lebensmittel etc.
  • Und das Wichtigste: Sich selbst abgrenzen vom kranken Partner!! Ja, sogar wenn nötig den Kontakt für eine gewisse Zeit ruhen lassen. Und das ist oft das Schwierigste! Vor allem, wenn gemeinsame Kinder vorhanden sind.

*Natürlich ist der Schweregrad der Erkrankung hierbei immer zu berücksichtigen.

Abschließend möchte ich noch eine Buchempfehlung für Kinder mit an Depression erkrankten Eltern abgeben. Mir hat es geholfen diese abstrakte Krankheit unserer Tochter zu erklären.

Buch Papas Seele hat Schnupfen

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Kommentar

  • Und noch eine Anmerkung:

    Viele Prominente haben sich geoutet und ihre Erfahrungen hierzu mit der Öffentlichkeit geteilt. Oft kommt es so rüber: Ich war ein paar Wochen in einer Klinik und danach war ich wieder gesund. Das mag bei superteuren Privatkliniken der Fall sein (ich habe den Tagessatz von 700 EUR genannt bekommen). Außer um eine medikamentöse Behandlung hat sich bei J. niemand um etwas gekümmert. Was bringt ein Malkurs, wenn es kein Angebot für professionelle Psychotherapie gibt???

    Wir sind in Deutschland einfach so schlecht aufgestellt, wenn es um Menschen geht die keine Lobby haben: Kinder, Kranke, Alte … – das muss sich ändern!

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